Ein kurzer Ausriss aus der ersten "Junggesellen"-Erzählung "Die Frau die niemals schläft":

Das Wasser schläft. Die Kinder schlafen. Dornröschen schläft, die krausen Haare liegen glanzlos auf ihren Wangen. Selbst Gott erholt sich am siebenten Tag von seinen Strapazen.

Ich aber kenne eine Frau, die niemals schläft. Ich sah sie das erste Mal im Christobal Colon. Das kastellförmige Hotel liegt mitten im Herzen des Diplomatenviertels. Die Taxifahrer Moh´yirahs nennen den pompösen Backsteinbau verächtlich "das Kolonialhotel", und das, obwohl sie eine saftige Provision erhalten, wenn sie die Neuankömmlinge vom Flughafen direkt hierher vermitteln. Unter den Europäern in der Stadt dagegen besitzt das Hotel großes Renommée. Auch die Pagen stammen überwiegend aus der Ersten Welt, menschliches Treibgut, das aus Paris, Moskau oder Tokyo von jüngeren Landjunkern verdrängt wurde und sich durch Frondienste in den Hotellobbies die exklusiven Nächte finanziert, downtown, in den Koks- und Schwulenbars, die hufeisenförmige Promenade Moh´yirahs ist weit über die Landesgrenzen hinaus berühmt für ihre Ausgehmeile.

Die Frau, die niemals schläft, saß in der Lobby auf einer Ledercouch. Sie beobachtete die Gäste, die durch die elektrische Glastüre traten. Alle Neulinge verrieten sich. Schon das zögerliche Auseinandersirren der Tür ließ sie automatisch mit den Hufen scharren. Von dort aus schwebten sie geradezu über den Velours zur Rezeption - die Furcht, den teuren Teppich mit deinen Straßenschuhen zu beschmutzen, verleiht dir Flügel, auch wenn du einen schweren Koffer trägst. Moh´yirah ist dreckig, das ist noch die einfachste Wahrheit dieser Stadt. Die Frau, die niemals schläft, saß auf der Ledercouch und musterte die Hereinkommenden. Im ersten Moment war ihr Blick schwer zu deuten. Am ehesten war es die vereiste Miene eines Regisseurs. Unwillkürlich stockte jedem der Atem.

Auch ich gehörte bei meiner Ankunft zu den Zögerlichen. Während der Nachtportier die Reservierung prüfte, ließ ich meinen Blick durch die Lounge schweifen. Sie hockte auf der braunen Ledercouch und rauchte. Sie schnippte die Asche direkt auf den Marmor, das wirkte frech, linkisch und kindisch zugleich. Auf dem Boden hatten sich Ascheflusen gebildet, vereinzelt waren es sogar Staubballen, die auf einer Straße unter dem Sofa entlang führten und sich dann im Raum verloren.

Ich sah sie an, und auch sie fixierte mich. An ihrer Patina konnte man noch keine Biografie ablesen, dennoch zeigte sich bereits der erste Abrieb vom Jungsein. Hochmut, gepaart mit Langeweile, so wirkte ihr Gebaren auf mich. Sie sah nicht aus wie eine, die auf etwas — oder jemanden — wartet. Eine Weile erwiderte ich ihren starren Blick. Da war es nicht mehr zu leugnen, wir kreuzten die Klingen. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, nichts sollte meine vorschnellenden Gedanken verraten. Auch sie blieb reserviert, eine waschechte Mitteleuropäerin, deren Basiliskenblick jede Kommunikation unterbindet. Sie sah durch mich hindurch, als beobachtete sie in Wahrheit den Portier bei seiner Arbeit ...


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